DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

27. Mai 2011

Warum steht die Eitelkeit in so schlechten Rufe?

Für unsere eigene Eitelkeit schämen wir uns, denn sie zeigt, daß wir nicht autark sind, daß wir von der Gunst und guten Meinung anderer abhängen, für die wir schön oder stark oder reich oder gut sein wollen. Wenn diese Abhängigkeit zu offensichtlich wird, sinkt unser Rang. Deswegen verbergen wir unsere Eitelkeit so gut es geht oder leugnen sie schlichtweg ab.

Die Eitelkeit der Andern stört uns, denn wir fürchten, sie könnten tatsächlich Eindruck machen mit ihrer Vortäuschung von Qualitäten — was wiederum unserem eigenen Range schaden könnte. So ist es eigentlich der Neid und die Mißgunst, die uns den Eitlen unsympathisch macht. Einen Eitlen, der nirgendwo ein Publikum fände, würden wir kaum hassen, allenfalls verachten.

Ganz widerlich ist schließlich, wenn ein Eitler uns zum Lobe nötigt, wenn ihm gelingt, sich so zu produzieren, daß wir als kleinlich, neidisch oder mißgünstig dastünden, falls wir ihn nicht lobten: Hab ich das nicht gut gemacht? So übel schau ich für mein Alter doch gar nicht aus? Ich bin eben eine ehrliche Haut, ich kann nicht anders, als für andere dazusein! Ja, was soll man darauf antworten? Er zwingt uns, ihn zu erhöhen — was wir aber, erzwungen, am widerwilligsten tun, denn wir werden dadurch, im Verhältnis, selbst verkleinert. Freiwillig loben wir nur, um unseren eigenen Geschmack oder unsere Kenntnisse herauszustreichen oder unseren Großmut, unseren Überfluß an Größe, der uns ermöglicht noch davon abzugeben, ohne selbst je Mangel zu spüren.