DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

18. Mai 2011

Fast alle seelischen Nöte rühren daher, daß wir uns in irgendeiner Hinsicht minderwertig fühlen und es uns vorkommt, als genössen die Anderen mehr Anerkennung, mehr Zuneigung und stünden also höher und wären also glücklicher.

Wenn wir es aber recht bedächten, könnten wir uns leicht darüber beruhigen, denn in Wahrheit sitzen hier alle im selben Boot, und keiner genießt einen realen Vorzug, denn: Die Seele bedarf der Anerkennung und Zuneigung als ihrer Nahrung — wie der Körper der seinen — und sie ist, wie er, niemals anhaltend satt zu kriegen. Selbst wenn sich einer jetzt geachtet und bewundert glaubt, so lässt diese Hochstimmung doch zuverlässig wieder nach, und sein Hunger auf neue Anerkennung plagt ihn wie zuvor. Jeder ist hier unersättlich, selbst der gefeierte Künstler, der geachtete Staatsmann, der von Frauen Verwöhnte, der Liebling des Volkes, der bewunderte Weise und der verehrte Heilige. Sie mögen jetzt die Höhe ihres Ruhms genießen, doch schon bald spüren sie wieder den Mangel und müssen neue Mühen auf sich nehmen, neue Dienste leisten, neue Werke schaffen, neue Wohltaten erweisen, neue Opfer erbringen — auf ihrer Jagd nach neuer Nahrung.

Deswegen sollten wir in unseren seelischen Nöten die Glücklichen so wenig beneiden, als wir die Satten beneiden, wenn wir hungrig sind: Sie werden wieder hungrig und wir wieder satt werden, ein alltäglicher Vorgang, von der Natur so eingerichtet, uns in Bewegung und die Welt in Gang zu halten.