DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

13. Mai 2011

Diejenigen, die ihre Eitelkeit leugnen, behaupten gerne, es käme ihnen beim Blick in den Spiegel nur darauf an, sich selbst zu gefallen, mit ihrem eigenen Bilde zufrieden zu sein, ganz gleich was andere davon halten könnten. Sie wollen nicht wahrhaben, dass diese Anderen stets irgendwo in unserem Kopfe herumschwirren und sie es sind, die in Wahrheit das Urteil über unser Äußeres sprechen. Unsere Selbstbetrachtung ist im Grunde doch nichts als ein Spiel von Gedankenfetzen in der Art: Was würde dieser oder jener von mir halten, wenn er mich so sähe, wäre er beeindruckt oder gelangweilt, wirkte ich begehrenswert oder abstoßend, Ehrfurcht gebietend oder lächerlich? Wie käme es an, wenn ich die Haarsträhne etwas zur Seite legte?

Solche inneren Befragungen mag man sich allerdings nicht immer eingestehen, denn es ist schließlich erniedrigend und peinlich, in diesem Maße vom Geschmack und der Meinung anderer abzuhängen. Lieber wären wir Herr im eigenen Hause, aber wir sind es nur insofern, als wir ihnen die Antwort immerhin selbst in den Mund legen. Lassen wir sie applaudieren, dann steigt unser Glück und Selbstgefühl in den Himmel, lassen wir sie den Daumen senken, dann ist uns der Tag verdorben. Ob wir dabei frei sind oder von unserer Laune bestimmt — oder zuweilen gar tatsächlich von unserem aktuellen Aussehen — das lasse ich einmal dahingestellt, aber in jedem Falle gehen wir den Umweg durch ihren Kopf und sind nicht in der Lage, selbständig über uns selbst zu urteilen.

Um dies zu verdeutlichen, sollten wir uns vielleicht einmal vorstellen, es gäbe die anderen überhaupt nicht, es gäbe außer uns keinen einzigen Menschen auf der Welt, und wir stünden jetzt vor dem Spiegel und wollten urteilen wie schön wir seien. Wäre ein solches Urteil dann nicht sinnlos, ja sinnlos überhaupt in den Spiegel zu schauen, überhaupt einen zu besitzen? Er könnte doch allenfalls noch zu praktischen Zwecken dienen, um sich schmerzhafte Pickel auszudrücken. Ohne die Anderen als unser Publikum hätte ein Spiegel doch weiter keine Verwendung, und überhaupt die Frage nach dem Wert unseres Äußern bliebe ohne alle Substanz.

Die Andern sind in Wahrheit unser Spiegel, die spiegelnde Glasscheibe ist bloß ein technisches Hilfsgerät, um unserer Vorstellung, wie wir in ihren Augen dastehen könnten, auf die Sprünge zu helfen. Unser Wert und Unwert kommt uns aus dem Vergleich mit ihnen bzw. aus der Vorstellung, welches Urteil sie über uns fällen könnten. Wenn es keine Anderen gäbe, wofür sollte man sich schön machen, wofür schön sein? Die Kategorie schön und hässlich könnte es bezüglich unseres Aussehens gar nicht geben. Und eben dies ist der deutlichste Beweis, dass immer wenn wir uns im Spiegel betrachten, die Andern es sind, die über uns urteilen, die Andern, die uns undeutlich und oftmals unbewusst im Geiste herumspuken, und jedes Mal fragen wir: Wie könnten wir jetzt auf sie wirken?