DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

7. Mai 2011

Einerseits loben wir gerne, denn das Gute, das wir dabei den anderen tun — indem wir sie erhöhen — macht uns sympathisch und erhöht uns also selbst.

Dann aber scheuen wir uns auch, andere zu loben, denn wir fürchten, sie zu sehr zu heben und also unseren eigenen relativen Wert herabzusetzen.

Vor allem könnten sie Verdacht schöpfen, daß wir als Bedürftige kommen, um Sympathie und Ansehen zu erdienern, was denn augenblicklich ihren Hochmut weckte und uns nichts als Verachtung brächte.

Der Reiche ist hier, wie so oft, im Vorteil: er kann von seinem Überflusse spenden, erntet Dank und braucht doch keinen Verlust zu fürchten. Was aber heißt hier Reichtum? Doch das Gefühl der sichern Überlegenheit, der Autorität, der Macht. Es ist nicht verwunderlich, daß keiner so viel und offenherzig lobt wie Goethe. Aber auch wir, in dem Maße uns Liebe und Achtung entgegenströmt und wir also gut gelaunt sind, werden großzügig mit unserem Lob — und ernten dafür noch immer weitere Zuneigung, denn dem der hat, dem wird gegeben.