DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

15. April 2011

Sinn und Zweck des Lebens besteht letztendlich darin, dazusein und sich im Dasein zu behaupten — wie dies auch jedes Tier, jeder Baum und sogar der Klumpen Erde tut.

Des Menschen wichtigstes Feld zu solcher Betätigung ist, sich unter Seinesgleichen geachtet und beliebt zu machen, denn darin liegt sein höchstes Gut, daraus gewinnt er sein höchstes Glück.

Wer Moralisches, Geistiges, Übersinnliches und Jenseitiges darüber stellen will, verkehrt das Mittel zum Zweck, denn aller Fleiß, alle Gerechtigkeit, Humanität, künstlerische Genialität, Weisheit und Heiligkeit, dient am Ende nur dazu, sich Geltung und Ansehen zu verschaffen, sich kraftvoll hervorzubringen, die maximale Wirkung im Dasein zu entfalten.

Dieser Sinn und Zweck des Lebens braucht gar nicht anempfohlen oder gepredigt zu werden, man muss uns weder auffordern noch verlocken, denn wir streben danach ganz von Natur und aus Instinkt. Wir wollen geachtet oder geliebt, am besten geachtet und geliebt sein und geben dafür unsere Lebenskraft.

Selbst unsere Feinde im Kriege, und selbst die Bösen und Kriminellen — unsere Feinde im bürgerlichen Leben — machen im Grunde dasselbe: Sie wollen sich behaupten, wollen in ihrem Kreise, ihrer Nation, ihrem Clan, ihrer Sekte als nützliche und angesehene Glieder hervortreten, und zwar gerade indem sie uns Schaden zufügen. Wir werden sie zurecht als Feinde ansehen und bekämpfen, aber von einem neutralen Standpunkte betrachtet müssen wir sehen, daß sie nur auf der andern Seite einer zufälligen oder willkürlich gezogenen Linie stehen.