DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

29. März 2011

Wir sollten uns gar nicht wundern, wenn einer, der bislang für selbstlos galt, sich plötzlich korrumpiert, in seinen Säckel wirtschaftet, für sein eigenes Wohl und das der Seinigen andere schädigt und verdirbt. Denn selbstlos war er bereits zuvor so wenig als irgendeiner, nur hat er sich bis dahin nicht materieller Güter bereichert sondern übermaterieller, ideeller, als das sind: Ansehen, Ehre, Ruhm. In dem Maße aber diese Güter den Menschen ohnehin wichtiger sind als die materiellen, wog seine bisherige Bereicherung sogar schwerer — und die dann noch hinzugekommene materielle wäre im Grunde harmlos — wenn nicht darin ebenfalls Ansehen und Kränkung und dergl. mitspielten.

Und ebenso wie die materielle Bereicherung in der Regel auf Kosten anderer stattfindet, geschieht dies auch mit der ideellen: Wem gelingt, Ehre auf sich zu ziehen, bewirkt daß andere gleichzeitig weniger abbekommen, denn geehrt werden heißt ausgezeichnet werden, und ausgezeichnet werden heißt erhoben werden, erhoben vor anderen. Diese müssen dabei im Verhältnis sinken — und nur auf das Verhältnis kommt es bei der Ehre an. Wie bei den materiellen Gütern, so liegt auch hier der Hauptgewinn und das eigentlich Erstrebte nicht in einer absoluten und zählbaren Menge, sondern einzig in der Relation zu anderen, d.h. um wie viel diese weniger haben.