DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

18. März 2011

Ist Schadenfreude wirklich Freude am Schaden des Andern? Ich kann das nicht glauben, denn welchen Sinn würde es machen, sich über einen Schaden zu freuen? Solange man jedenfalls Schaden als etwas Negatives, Freude als etwas Positives ansieht, paßt das nicht zusammen.

Ich glaube daher, es ist viel eher die Freude am eigenen relativen Gewinn, und dieser Gewinn ist — wohl nur relativ — aber dennoch sehr real: Wir steigen im Verhältnis zu dem, der fällt, wir werden schöner wenn er häßlich wird, stärker wenn er dahinsiecht, klüger wenn er verblödet, reicher wenn er sich ruiniert — und moralisch besser wenn er sündigt. All diese Qualitäten besitzen kein absolutes Maß, sondern gelten immer im Vergleich — und im Vergleich gut dazustehen, darin besteht unser Glück, und also profitieren wir vom Fall des Andern und werden froh an seinem Pech.

Man könnte einwenden: Warum ist dann die Schadenfreude besonders innig, wenn es einen Verhaßten trifft? Nun genau aus dem Grunde, aus dem er uns verhaßt ist: Er hat sich über uns gestellt, sich einen Vorteil angemaßt, uns auf irgendeine Weise herabgesetzt; deswegen hassen wir ihn, und deswegen freut uns umso mehr, daß wir jetzt, durch sein Unglück, im Verhältnis wieder steigen.