DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

15. März 2011

Cicero: Die Begründung dafür, dass etwas als sittlich gut anerkannt wird, liegt nicht darin, dass es von vielen gerühmt wird, sondern weil es von der Art ist, dass, selbst wenn die Menschen nichts davon wüssten, ja wenn sie stumm wären, es dennoch um seiner eigenen Schönheit und seines Glanzes willen rühmlich wäre.

Ja aber, wenn niemand davon wüsste, nicht einmal davon wissen könnte, woher soll dann diese eigene Schönheit, dieser eigene Glanz herrühren, um dessentwillen es rühmlich wäre? Und was heißt rühmlich? Es heißt doch, dass es gerühmt werden kann, wenigstens in unserer Vorstellung; aber wer, außer den anderen, könnte es rühmen? Da blieben ja nur noch wir selbst — und das wäre dann doch wieder unrühmlich, wenn wir uns selbst rühmten.

Cicero weiter: Gesetzt den Fall, dass irgendwo versteckt eine Natter läge, und es würde sich jemand, dessen Tod dir Nutzen bringen könnte, ahnungslos darauf setzen, dann handelst du ruchlos, wenn du ihn nicht warnst, sich darauf zu setzen. Bestrafen könnte dich aber niemand. Denn wer sollte dir beweisen, dass du es wusstest?

Auch dies kein Zeichen dafür, daß die Tat an sich selbst schön oder häßlich wäre, denn wenn ich ihn warne, dann komme ich groß heraus, bei ihm und bei anderen, und solches ist uns allgemein von höherem Wert als irgend ein unmittelbarer oder materieller Vorteil. Hingegen, wenn ich ihn nicht warne, dann wird so mancher Verdacht schöpfen, ich hätte ihn mit Absicht und zu meinem Vorteile verderben lassen, und das kann meinem Rufe sehr verderblich sein.

Nicht daß solche Gedanken und Abwägungen in dem kurzen Augenblicke unseren Geist beschäftigten — obschon auch in einen kurzen Augenblick viele Gedanken hineinpassen. Aber gestehen wir einmal zu, wir handelten nicht berechnend sondern intuitiv, dann ist diese Intuition doch immerhin bestimmt durch unsere Erziehung und Lebenserfahrung: Wie oft haben wir gehört oder erfahren, daß ein Retter gelobt wird und einer, der selbst seinem Gegner hilft, als großer Mensch gepriesen — und wer es nicht getan, den sahen wir verachtet und beschimpft. Das hat sich in uns geprägt und wurde zu einem Gefühl, einer Art Instinkt, und so bedarf es im entscheidenden Moment keiner bewußten gedanklichen Abwägung mehr. Zwar schießen noch allerlei Gedanken durch den Kopf, aber die Entscheidung fällt in einem Augenblick, wie der eingeübte Reflex des Autofahrers, der bei Gefahr die Bremse drückt.