DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

12. März 2011

Der Eitle gilt nicht bloß als charakterlich schwach sondern ist uns auch widerlich. Er will sich erhöhen — was schon grundsätzlich ärgert — und will uns auch noch nötigen, seine erschlichenen Vorzüge zu loben. Zu diesem Zwecke drängt er uns in Situationen, wo wir, falls wir nicht loben, unhöflich, kleinmütig und neidisch erscheinen.

Vollends verhaßt wird er uns, wenn er mit seinem Trugbild auch noch Beifall erntet und erst recht, wenn er sich unverblümt am Genusse dieses Beifalls weidet. Seine Erhöhung macht ihn jetzt zum Feinde und wir werden alles herbeisuchen, um seine Schwächen aufzudecken und ihn lächerlich zu machen.

Aber es ist nicht immer so, denn Eitelkeit kann auch erfreuen: Wenn die Frauen sich schminken und wir uns vorstellen, dass sie es unseretwegen tun, weil sie unsere Aufmerksamkeit, ja uns selbst begehren, so ist das Schmeichelhafte daran so stark, dass wir uns über ihre Eitelkeit freuen. Ebenso darf ein Großer und Berühmter eitel sein — falls wir ihn zu unserem Liebling erkoren haben. Er vertritt dann unsere Sache, ja eigentlich uns selbst, und wir genießen alles, was ihn erhöht und ins Rampenlicht setzt, weil wir uns mit ihm erhöht fühlen.

Letztlich ist es wie überall: Wir mögen, was uns Vorteil und Ehre einbringt, wir hassen und verurteilen was Konkurrenz und Gefahr für unser Ansehen heißt.