DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

22. Februar 2011

Die Stoiker wollen das Sittliche, d.h. der Gemeinschaft Nützliche, als alleiniges höchstes Gut und alles andere, also Lust und auch Schmerzlosigkeit davon ausschließen. Sie sind darin wohl zu kategorisch, denn dem Menschen ist alles ein Gut, was ihm in irgendeiner Weise wohl tut.

Aber dass sie das Sittliche ganz oben anstellen, darin tun sie recht, denn das Sittliche ist das, womit wir am meisten den Beifall der andern ernten — und dieser Beifall ist unser höchstes Glück und das Grundnahrungsmittel unserer Seele, ohne welches sie verdorren und in Gram zu Grunde gehen müsste. Auf Süßigkeiten und Schlemmereien können wir zur Not verzichten, auf die Anerkennung anderer keinesfalls.

Zwar ist diese Anerkennung oft mehr gefühlt als deutlich wahrgenommen und meist ein bloßes Produkt unserer Phantasie – wir können ja nicht wissen, was die andern wirklich von uns denken — aber sie bedeutet uns doch mehr als alles Gold und zuweilen mehr als das Leben selbst: Wieviele gebrauchen ihr Gold, nur um sich Anerkennung zu verschaffen, und wieviele lassen ihr Leben bei der Arbeit, zur Rettung anderer oder in heldenhaftem Dienst zum Schutz und Ruhme der Gemeinschaft!