DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

3. Februar 2011

Stets sind wir in Sorge, ob wir für alle den rechten Ton getroffen, keinen beleidigt, gekränkt, oder auch nur verstimmt haben könnten — in Wahrheit aber haben wir nur Sorge, ob wir einen gegen uns verstimmt haben könnten und also seinen Unwillen oder gar seine Feindschaft auf uns gezogen. Es ist in keiner Weise die Sorge um sein Wohlbefinden oder seine Unverletztheit. Der Beweis dafür ist, dass es uns kaum beunruhigt, wenn er in derselben Weise von einem andern verletzt worden, im Gegenteil, dies bereitet uns heimliche Freude, nämlich Schadenfreude gegen den, der verletzt ist und gegen den Verletzer, der nun des ersteren Hass auf sich gezogen. Die beiden bekriegen sich, schwächen sich also, und dies gereicht uns zum Vorteile. Diese unsere Freude setzt nur dann nicht ein, wenn wir uns indirekt selbst mit angegriffen fühlen, wenn unsere Familie, unsere Partei, unser Staat, unsere Nation beleidigt wurde, in welchem Falle wir uns dann selbst gegen den äußeren Feind empören. Unser Feingefühl aber und die Sorge, ein anderer möge nicht gekränkt oder verletzt werden, ist ausschließlich Sorge um uns selbst und die Unsrigen.