DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

26. Januar 2011

Wir brauchen nicht höflich und anständig zu sein gegen Andere wegen ihnen, damit es ihnen besser gehe, weil sie es verdient hätten. Nein, es genügt, wenn wir es ausschließlich für uns selbst tun. Wir sind aber gut beraten es zu tun, denn wenn wir ihnen keine Achtung entgegenbringen, keine Höflichkeit und keine Fairness, werden wir sie sehr gegen uns verstimmen und schnell zu neuen Feinden haben. Dabei ist nichts für unser Glück und Wohlbefinden bedeutender als eben unser Ansehen — bei ihnen — und also äußerst ratsam, uns gegen sie anständig und wohlwollend, ja ehrerbietig zu verhalten, denn nur so werden wir sie freundlich stimmen.

Hätten wir genügend andere Machtmittel zur Hand, wäre dies vielleicht nicht nötig, aber in der gesellschaftlichen Abhängigkeit, in der wir nun mal stehen, werden wir allein mit Macht und Gewalt, mit Trotz und Drohung auf die Dauer keine geachtete Stellung halten können — und selbst ein Tyrann hätte wohl lieber, daß andere ihn ehrten anstatt ihn nur zu fürchten.

Wir leben in der ständigen Angst, Andere zu verärgern, in ihre Ungnade zu fallen, aus ihrem Kreise verstoßen zu werden. Diese Furcht ist die halbe Rechnung aller Höflichkeit und Ehrerbietung, aller Anständigkeit und Rücksichtnahme. Und auch das ungute Gefühl, das Schlechte Gewissen, ob wir nicht doch vielleicht diesen gekränkt oder jenen zu wenig geehrt haben könnten, ist nichts als die dumpfe Furcht vor derlei Folgen.

Angriffslustig sind wir nur, wenn es gemeinsam gegen Außenstehende geht, wenn wir uns bei den Unsrigen damit hervortun können. Die Grenzen sind dabei elastisch, und oft sind es nur die gerade Abwesenden, über die man respektlos lästert — um den gerade Anwesenden zu schmeicheln, um sich mit ihnen gemeinsam zu erhöhen.

Die Vorstellung, dass andere sich über uns ärgern, ist immer unangenehm, denn sie birgt in sich die Furcht, dass sie uns feindlich sind und also schaden wollen. Deshalb sollten wir, wo immer es ohne großen Nachteil möglich ist, Freundlichkeit, Höflichkeit, Anstand wahren, gute Umgangsformen, Gerechtigkeitssinn walten lassen, weil sonst, mehr als jetzt schon, jeder sich vor jedem fürchten müsste, das gesellschaftliche Leben ein Schlachtfeld aller gegen alle wäre.

Wenigstens kann man Gruppen bilden, innerhalb derer man sich halbwegs sicher fühlt, einer den anderen gelten lässt und also auch seine eigene Geltung findet. Natürlich muss man auch kämpfen und sich nicht unterkriegen lassen, aber dabei doch Bedenken, dass jeder Streit, jeder neu geschaffene Feind, einige Stunden seelischen Unbehagens mit sich bringt, mit dem äußeren auch den inneren Frieden stört. Nicht zuletzt deswegen wird im Christentum das „Liebe deinen Nächsten“ so sehr hochgehalten.

Wenn dies denn möglich wäre, sollten wir vor jedem Angriff — und ein nachlässiger Gruß ist bereits ein Angriff — bedenken: bringt er uns so viel Genugtuung, Autorität, Machtgewinn, Respekt, als er uns an innerem Seelenfrieden nimmt? Wenn dieses abzuwägen möglich wäre, dann könnten wir uns leicht zu unserem eigenen Vorteile entscheiden. So aber, da wir das alles nicht abwägen und im Voraus wissen können, wird es ratsam sein, wo immer möglich, Höflichkeit, Anstand und Fairness zu wahren, als ein gewissermaßen automatisiertes, in Fleisch und Blut gegangenes Benehmen, und nur in Ausnahmefällen davon abzuweichen und das Glück im offenen Kampfe wagen.