DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

15. Januar 2011

Das schönste an der Liebe ist, dass wir den andern glücklich machen. Der Glanz in seinen Augen sagt uns: Wir sind so gut, so gut, dass er darüber aus dem Häuschen kommt. Das füllt uns mit Stolz und unsäglicher Freude — denn es gibt für uns kein größeres Glück, als viel bei Andern zu gelten.

Nimmt man dieses hinweg, so bleibt vom Liebesgenuß nichts als ein bescheidener sinnlicher Reiz — wie etwa der von Käse oder Wein — die sich ja auch nicht über uns freuen und uns loben, wenn wir sie verzehren. Der höchste Genuß liegt immer in der Selbstbespiegelung, in der Machtvollkommenheit über das Glück des Andern, erfahren durch das Zeichen seiner Überwältigung — weswegen so sehr betört, wenn das Weib beim Akt ganz außer sich gerät, in ekstatischen Schreien Zeugnis ablegt von der Lust — die wir die Macht und das Vermögen haben hervorzubringen.