DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

9. Januar 2011

Den Menschen treibt vor allem sein Eigeninteresse. Aber nur ein Teil dieses Antriebes wird gewöhnlich als Egoismus bezeichnet, und zwar der materielle Teil. Als solchen bezeichne ich, wenn einer am Tisch den besten Happen für sich haben will, sich überall vordrängelt wo etwas zu ergattern ist, dafür bei der Arbeit sich hinten anstellt, nach Macht und Einfluss strebt, um sich Reichtümer zu beschaffen und dergl. mehr. Dies ist aber nur die eine Hälfte seines Eigeninteresses, und ich würde sogar sagen die schwächere. Die andere Hälfte strebt nach Ansehen um des Ansehens willen, nach Macht um der Macht willen, will geliebt und begehrt werden, hofiert und geschmeichelt — denn was nur immer vor Andern aufwertet, beglückt am meisten und wirkt wie eine Droge. Um diese ideellen — mit Händen nicht greifbaren — Güter zu erlangen, ist einer zuweilen bereit, sämtliche materiellen Güter hinzugeben, für Ruhm und Größe, Liebe und Anerkennung seine Körperkraft zu verschwenden, seinen Reichtum, Frau und Kinder zu opfern und manchmal gar sein Leben zu lassen.

So wie einer auf dem Markte sein Geld geben muß, um die begehrten Lebensmittel zu bekommen, so muß er auch für die ideellen Güter bezahlen: mit Diensten der Aufopferung, Mildtätigkeit, Hilfsbereitschaft, Pflichterfüllung und Einsatz seiner Arbeitskraft. Hinzu kommen geistige Dienstleistungen, denn auch mit Witz, Erfindungskraft, Originalität, künstlerischen und geistigen Werken lassen sich die Andern unterhalten und bezahlen dafür gerne mit Beifall und Zuneigung. Und schließlich eignen sich jegliche Art von Ehrerbietung, Höflichkeit, Freundlichkeit, Lob und Liebesschwur — also selbst wieder ideelle Güter — und sind hervorragende Tauschobjekte und bringen oft sogar den sichersten Erfolg.

Immer findet ein Handel statt, oft auf Umwegen und unbewußt, oft mit Enttäuschung unserer heimlichen Erwartung, aber doch, der unausgesprochenen Voraussetzung nach, ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Und daran ist nichts Schlimmes — im Gegenteil, es wäre unlogisch und im Grunde gegen alle Natur, wenn es einseitig sein sollte: Mehr Geben als Nehmen, Arbeit ohne Lob und Anerkennung, Opfer ohne Ruhm, Heldentat ohne Ehre, wozu sollten solche Einbahnstraßen taugen, Fässer in die man schüttet ohne zu zapfen, Häuser die man baut ohne zu wohnen? Tritt nicht auch der Herr in diesem Sinne als Händler auf und bietet für Gehorsam und Gottesdienst einen Platz im Paradiese?