DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

2. Januar 2011

Dass wir aus uns selbst tätig werden, uns für eine Sache um ihrer selbst willen begeistern und nicht ablassen können von unserer Arbeit, unabhängig davon, wie sie Andern gefällt, welches Lob und welchen Tadel wir uns erwarten, das nennt man in der heutigen Psychologie „Intrinsische Motivation“. Ich nun behaupte, daß es so ein Ding überhaupt nicht gibt, daß wir immer nur vom Urteil der Andern getrieben sind, von unserer Hoffnung auf Lob und Anerkennung, von unserer Furcht vor Tadel und Verstoßung — außer bei einigen wenigen, von mir anderswo genannten Handlungen, nämlich denjenigen, für die wir uns vor Andern schämen. Alle übrigen Handlungen sind extrinsisch, das heißt von außen motiviert.

Allerdings, weil wir in unserm Geiste nicht die von außen kommenden Motive gegenwärtig haben und uns gleichzeitig noch auf unsere Tätigkeit konzentrieren können, so wechselt das Bewusstsein notgedrungen zwischen der Aufgabe selbst und den außer ihr liegenden Anreizen, welche von dem Wunsch nach Anerkennung herrühren, hin und her. Es gibt also extrinsische Motive einerseits und reine Konzentration auf die Bewältigung der Aufgabe andererseits, das eine liefert den Anreiz und die Energie, das andere ist Werkzeug und Mittel zur Ausführung.

Aber der Wechsel zwischen diesen beiden Bewusstseinszuständen geht so unmerklich und in Augenblicken vonstatten, dass das Ganze eher einem dichten Gewebe ähnelt als einer aufgereihten Perlenschnur. Deswegen glaubt der in seine Arbeit Vernarrte auch gerne, er würde ganz aus eigener Autorität handeln — und übersieht dabei die fortwährend seinen Geist durchwehenden Bilder eines lobenden Publikums, aus denen er aber letztlich alle Initiative und alle Kraft bezieht.