DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

16. Dezember 2010

Höhenschwindel hat der eine mehr, der andere weniger, und er läßt sich durch Übung und Gewohnheit sehr vermindern, oft sogar vorübergehend völlig überwinden. Wie steht es aber mit dem Schrecken des Todes? Wenn ich nur eine Fliege zerquetsche, so fährt mir bereits — im Augenblick, da der weiße Lebenssaft mit Knacken aus dem Körper spritzt — ein Schauder durch den Leib und für eine Sekunde macht mir Bangigkeit die Eingeweide starr. Kurz hebt der Tod den Schleier und läßt mich seinen Abgrund schauen.

Die Empfindung ist dabei so verschieden nicht von der, die mir an einer Klippe beim Blick in die schreckliche Tiefe kommt, und also ist die Frage: Wird nicht auch jener Todesschauder, wie hier der Höhenschwindel, durch Gewohnheit überwunden? Wird nicht ein Schlächter, der täglich hunderte von Schweinen tötet, weniger dabei empfinden, als ich beim Zerquetschen einer Fliege? Und ein Krieger, der jahrelang im Blute seiner Kameraden watet, unzählige Feinde tötet — und dafür gefeiert wird — wird nicht auch ihn kaum mehr ein Frösteln überlaufen in dem Augenblick, da er die Seelen aus den Körpern weichen sieht? Wenn dem nicht so wäre, wie könnten da Kriege überhaupt geführt, Hinrichtungen vollzogen oder auch nur das Vieh für unsere tägliche Nahrung geschlachtet werden?

Die Gewohnheit ist eine starke Macht, und würden wir sie nicht in Rechnung ziehen, müssten wir rat- und fassungslos vor mancher Handlung, vor manchem Brauch und mancher Sitte stehen.