DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

14. Dezember 2010

Rührung überkommt uns vor allem, wenn wir sehen wie Andere Andere loben, ihnen Achtung, Liebe und Vertrauen bekunden. In Romanen, Filmen und auf der Bühne lassen diese Szenen unsere Tränen fließen, und selbst auf einem Begräbnis weinen wir vor allem durch den Anblick anteilnehmender Trauergäste. Ich hatte da zuweilen den Eindruck, daß es gar nicht die Trauer um den Toten ist oder der Schmerz des Verlustes, was uns weinen macht, als vielmehr diese Erhöhung und Veredelung, welche sich in der Anteilnahme der Andern ausdrückt.

Nun steht natürlich die Frage, warum uns so sehr rührt, wenn Andere Andere erheben — denn zunächst sollte man ja meinen, es müsse uns viel eher Anlaß für Neid und Mißgunst sein. Ich habe auch bislang keine Erklärung gewagt und will hier nur anführen, was mir ein Freund als seine Ansicht dazu mitgeteilt. Er sagt, die Rührung käme daher, daß wir uns selbst an die Stelle des Gelobten versetzten und dann aufgewühlt würden von der Vorstellung, ebenso geachtet und geliebt zu werden, und diese Vorstellung sei so überwältigend, daß uns sofort die Tränen flössen.

Obwohl diese Erklärung sich zwar anstandslos in meine übrigen Beobachtungen fügte, scheint sie mir doch zu kühn, als daß ich mich nicht erst an sie gewöhnen müßte. Sie ist vielleicht weniger evident und natürlich als das sonst von mir Versuchte, erfordert einen höheren Grad von Abstraktion, da auch die Zusammenhänge noch tiefer im Unbewußten liegen. Absurd scheint sie mir andererseits auch nicht und soll daher einstweilen als eine Möglichkeit hier stehen bleiben.