DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

6. Dezember 2010

Manche Kulturpessimisten klagen über die Bilderflut, welche über die Jahrhunderte – und jetzt vor allem durch Film und Photographie – über uns gekommen, und daß deshalb eine wirkliche und innige Anteilnahme an der Kunst überhaupt nicht mehr möglich sei; ja manche meinen gar, daß unsere Psyche dadurch ganz heftig durcheinander käme und unser Nervensystem schließlich zerrüttet werden müsse.

Das ist aber doch allzu lächerlich! Der Mensch, ob mit oder ohne Kunst, mit oder ohne Film und Photographie, erfährt, wenn er nicht blind ist, sein ganzes Leben lang und jeden Tag, jede Stunde eine unermeßliche Zahl von Bildern, nämlich alle, die von der Welt durch die Iris auf seine Netzhaut fallen, und müßte, wäre sein Gemüt nicht dafür gerüstet, schon vor Jahrtausenden daran zerbrochen sein.

Diejenigen Bilder, welche ihm durch die Medien der Technik präsentiert werden, sind davon nur ein unermeßlich kleiner Teil. Warum ausgerechnet sie Schaden anrichten oder den Sinn fürs Schöne unterminieren sollten, ist abwegig und in keiner Weise zu fürchten.

Eine andere Sache ist freilich, daß unser Geschmack sich höher und feiner ausbildet beim Anblick schöner Natur und wohlgestalteter Kunst. Doch der Weg dahin ist nicht, weniger Bilder einzulassen, sondern die richtigen auswählen, in ihrer Betrachtung verharren, in ihrer Schätzung Vergnügen finden – während die übrigen nur zum Kontrastmittel dienen, um das Gute noch deutlicher hervortreten zu lassen.