DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

26. November 2010

Jede Religion, jede philosophische oder bürgerliche Ethik, jedes Gesetzbuch ist nichts als ein Codex, ein Sammelwerk von Spielregeln für das große Spiel der Gesellschaft. Dieses Spiel wiederum ist eine Veranstaltung zu keinem anderen Zwecke, als daß sich Einzelne hervortun, Andere untergehen, Mannschaften gewinnen oder verlieren und jeder unaufhörlich ringt um den bestmöglichen Platz in der ewigen Pyramide der Geltung. Moralisch argumentieren, für die Gute Sache eintreten, das Übel bekämpfen, ist nichts Anderes als Fußball spielen, ist wie Hundertmeterlauf oder Boxkampf: Man steigt auf und brilliert oder unterliegt und wird, im schlimmsten Falle, ausgeschieden.

Die Aufklärer meinten, sie hätten mit der Vernunft über die Leichtgläubigkeit, mit Wissen über bloßen Glauben gesiegt. Tatsächlich haben sie sich bloß ein neues Spiel mit neuen Regeln ausgedacht — und dann genauso weitergespielt: um Ruhm und Anerkennung. Nicht anders die Christen, als sie einst mit wahrem Glauben den Aberglauben der Alten bezwangen, nicht anders die Freiheitskämpfer, die einen Tyrannen stürzten.

Die Furcht jedoch, daß mit dem Verfall einer bis dahin geltenden Ethik nun alle Moral und Kultur zugrunde ginge, ist vollkommen unbegründet, denn der Mensch wird immer spielen, wird sich immer messen wollen, und bevor er noch die eine Disziplin abgeschafft, begeistert er sich schon für eine neue, ja, durch die neue glänzen zu wollen beflügelt ihn ja erst, die frühere vom Sockel zu stoßen. Dies liegt in seiner Natur, weil das Sich-Messen-Wollen in seiner Natur liegt, und es ist niemals aus der Welt zu schaffen.