DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

5. November 2010

Sobald wir das Verhalten anderer werten, und das tun wir fast immer und bei jeder Gelegenheit, ist irgendwo unser eigenes Interesse mit im Spiel. Wir fühlen uns in irgendeiner und vielleicht noch so indirekten Weise betroffen, im Guten wie im Bösen, honoriert oder gekränkt, beschützt oder bedroht.

Wenn wir sehen, wie einer bemüht ist, seine Freunde unter gesellschaftlich Etablierten, Titel- und Würdenträgern, Reichen und Schönen zu finden, so ist uns das, zumal wenn wir nicht selbst zu diesen Kreisen gehören, äußerst unsympathisch und wir tadeln es, obwohl es uns völlig gleichgültig sein könnte. Wir sind eifersüchtig, weil er an denen mehr Interesse findet als an uns.

Aber selbst wenn er dann auch unseren Umgang suchte, so würde er damit noch keineswegs sympathisch, denn wir sahen wie er die Vorigen offenbar nur als Mittel seines gesellschaftlichen Aufstiegs brauchte und fürchten, selbst nun ebenfalls bloß irgendeinem seiner Zwecke zu dienen — anstatt für unseren eigentlichen Wert geschätzt zu werden, auf den wir uns so viel zugute halten.