DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

29. Oktober 2010

Des Menschen höchstes Ziel und Glück ist, gut dazustehen bei Seinesgleichen, d.h. einen möglichst hohen Rang einzunehmen. Dieses kann nun vielerlei Gesichter haben wie: beliebt sein, berühmt sein, geachtet, gefürchtet, mächtig sein, Vertrauen genießen, begehrt werden, beneidet, bewundert, ja angebetet. All dies hebt seine Stellung und ist sein höchstes Glück.

Oftmals wird dieser Ehrgeiz jedoch als etwas Schlechtes verurteilt oder als Eitelkeit verpönt — und natürlich gerade von denen, die dabei zu verlieren fürchten. Sie sind sehr ehrgeizig darin, den Ehrgeiz der andern zu tadeln, weil sie wiederum ihr Bessersein herausstreichen wollen.

Es gibt gegen diesen Ehrgeiz keinerlei Mittel, jeder folgt ihm und keiner wird ihn überwinden. Aber es ist auch nicht nötig, ihn zu überwinden, ja es wäre verderblich, denn alle Aktivität würde erlahmen, wäre diese Antriebsfeder nicht mehr in Kraft. Es wäre, als würde der wichtigste Instinkt, ein Überlebensinstinkt wie derjenige von Nahrungsaufnahme und Fortpflanzung, ausgelöscht, wir wären nicht mehr uns selbst und zum Leben nicht mehr tauglich. Dieselben Instinkte nach Dominanz und Geltung regieren das Tierreich, ja, in abstrakterer Form, die gesamte Schöpfung. Man stelle sich vor, sie würden weggenommen oder „überwunden“, was bliebe da noch übrig von der Welt?