DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

27. Oktober 2010

Der Stein, über den die Moralisten bislang gestolpert, ist die Grundannahme, daß Gefallsucht und Egoismus schlecht seien und ihr Gegenteil gut. Es ist in Wahrheit aber immer nur der Egoismus der Anderen schlecht, nämlich sofern sie mir schädlich werden, und mein eigener nur, sofern ich ihre Rache und Verachtung fürchten muss. Insgesamt, auf die gesamte Menschheit betrachtet, ist der Egoismus weder gut noch schlecht, sondern bloß die natürliche Antriebskraft zu Erhaltung und Fortkommen der Individuen.

Das höchst entwickelte Werkzeug, dessen sich Egoismus und Gefallsucht zu diesem Zwecke bedient, ist die Moral. Sie ist das feinst ziselierteste Schwert, das Schild, zehntausendmal kunstvoller als jenes selbst, das dem Achilleus aus der Schmiede des Hephaistos kam. Sie wird angewandt, um den Gegner an den Pranger zu stellen, einzuschüchtern unter Androhung von Rache und Verstoßung aus der Gemeinschaft, ihm Schlechtes Gewissen zu machen — sich selbst aber und die eigene Anhängerschaft zu schützen, zu heben und mit dem Schlachtrufe „Wir sind die Besseren“ in Kampfeslaune zu bringen. Die Moral ist die Fortsetzung des Krieges mit feineren, mit geistigen Mitteln.

Der Mensch bedient sich der Moral, um in der Gemeinschaft nicht unterzugehen, ja nach Möglichkeit herauszuragen und zu glänzen — wie das andererseits der Löwe mit seiner Mähne und seinen Klauen, die Schlange mit Klappern und giftigen Zähnen tut. Ein Naturschauspiel, welches man, von außen betrachtet, wie das Tierreich schön aber weder gut noch böse finden wird.

Die Moralisten suchen bis heute Prinzipien für das Gute und Böse, und wenn sie sich in ihren Zuordnungen zuweilen sehr unterscheiden, wenn das Gute des Cicero ganz anders ausfällt, als das des Epikur, das Böse des Augustinus weit entfernt vom Niederen des Nietzsche, so sind sie sich doch alle darin gleich, daß jeder seine jeweiligen Werte allgemeingültig sehen will, also nicht vom Augenblick, von der Situation, vom persönlichen- oder Parteiinteresse abhängig. Aber die moralischen Werte sind genau dieses und haben keinen anderen Zweck, als das persönliche- oder Parteiinteresse zu befördern.