DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

24. Oktober 2010

Manche Weisheitslehrer haben das Ziel gesteckt, die Eitelkeit, also das Verlangen nach Achtung und Anerkennung, zu überwinden. Dass einer von ihnen dieses Ziel erreicht hätte, kann ich allerdings nicht erkennen — denn wozu sollte er sich dann noch als Weisheitslehrer produzieren? Ich glaube, dieses Verlangen ist ebenso unmöglich zu überwinden wie der Hunger, denn das Bedürfnis nach Anerkennung ist für die Seele nichts Anderes als der Hunger für den Leib, und beiderlei Bedürfnis ist für das Leben notwendig und beiderlei Stillung genussvoll.

Der Weise, der für die Überwindung der Eitelkeit plädiert, schuldet mir also zuerst den Nachweis, warum die Eitelkeit eher zu überwinden sei als der Hunger — und dann, was das Gute einer solchen Überwindung überhaupt wäre — und schließlich, dass sich seine Überwindungskünste nicht wiederum aus Eitelkeit herleiten, weil er nämlich dastehen will als ein Besserer, als einer, der die Fesseln der Gesellschaft abgeschüttelt, der das menschliche Maß unter sich gelassen.