DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

21. Oktober 2010

Zwei Hauptströmungen treiben den Menschen: Zum einen will er anderen gefallen und viel bei ihnen gelten. Dann aber, weil er nicht von ihrer Laune und Neigung abhängen will, weil das Dasein des Lobdieners, Kriechers und Pantoffelhelden schändlich und demütigend ist, strebt er nach Freiheit. Er will eigene Wege gehen, sich um die Meinung der Leute nicht scheren, nicht dem Volke nach dem Munde reden, nicht der Mode nachlaufen und was dergleichen mehr ist.

Aber er will diese Freiheit nur, um wiederum zu gefallen, und macht sich also wiederum abhängig, wenn nicht von den gleichen, so doch von anderen. Von jenen befreit er sich, um vor diesen nicht als Schwächling dazustehen, er verzichtet auf das Wohlwollen der einen, in Hoffnung auf Ruhm bei den andern.

Viele kündigen aus diesem Grunde ihrem Brotgeber oder dem Ehegatten, werden Freiheitskämpfer gegen die Obrigkeit, suchen das Neue in der Kunst, eignen sich ausgefallene Ansichten oder absonderliche Verhaltensweisen an oder wollen überhaupt dem Regel- und Sittenwerk der Zivilisation entfliehen und ziehen sich in einsame Gegenden zurück, um dort ein naturgemäßes Leben zu führen.

Sie alle befreien sich aber nicht von der Lobdienerei, denn sie betreiben ihr neues Geschäft nicht weniger um des Lobes Willen, sie wechseln nicht den Stand des Abhängigen, sondern nur ihren Dienstherrn.