DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

16. Oktober 2010

Bei Diderot wird verhandelt, ob die Entfernung vom Ort einer Untat das Gewissen beruhigen könne, oder ob dieses uns überallhin mit seinen Stichen folge.

Was uns jedoch in Wahrheit peinigt und verfolgt, ist nicht das Gewissen als eine abstrakte Institution, es sind die Anderen mit ihren Vorwürfen — die wir im Innern überallhin mit uns nehmen, bis in den letzten Winkel der Welt, bis in jede verlassene Einsiedelei.

Diese Gestalten und Stimmen werden wir solange nicht los, bis wir sie durch neue ersetzen, denn erst wenn wir neue Gesellschaft finden, wo dasselbe, was dort als Verbrechen galt, ganz harmlos angesehen oder gar gelobt wird, erst dann verhallen die lästigen Stimmen, erst dann beruhigt sich unser Gewissen.

Deswegen wird einer, der in seiner sozialen Umgebung in Misskredit geraten, entweder die Sache durch Buße und Wiedergutmachung, das heißt durch eigene Erniedrigung und damit Erhöhung der Anderen, wieder ins Lot bringen, oder er wird sich neue Gesellschaft suchen müssen, wo sein dortiges Vergehen günstiger beurteilt wird oder von keinem weiteren Interesse ist. Das Gewissen hängt nur davon ab, in welcher Gesellschaft man sich befindet.

Wer seine Frau kurz hält, wird des Geizes bezichtigt und verachtet als Krämerseele. Die Geliebte aber wird dieses Verhalten loben, denn so bleibt mehr für sie. Wer seine Frau betrügt, wird von ihr und den ihrigen verwunschen und hat demnach, vor dieser Instanz, ein schlechtes Gewissen — aber er wird, für dieselbe Tat, von der Nebenbuhlerin umso mehr geliebt, und wenn er sich schließlich scheiden lässt und die neue heiratet, werden in der neuen Umgebung die Maßstäbe der alten verworfen, und er ist für seinen Mut und Entschluss geehrt.

Wer unter dem einen Regime ein Verräter war, wird unterm nächsten ein Held sein. Die Geschwister Scholl waren im Dritten Reich Staatsfeinde, Stauffenberg ein Hochverräter, und beide sind jetzt gefeierte Helden.

Die Terroristen der Baader-Meinhof Gruppe waren unter den Sympathisanten Helden, und je mehr Anschläge sie begangen und je dreister sie vorgegangen, desto mehr. Zur gleichen Zeit waren sie für die übrige Gesellschaft die schlimmsten Verbrecher. Die Selbstmordattentäter im Krieg der Islamisten sind heilige Märtyrer — in ihren Kreisen — bei uns aber weniger beliebt, denn hier sind es Feinde, die uns schaden wollen. Spione sind Verräter im einen, Helden im anderen Land — zumal wenn es sich um wichtige militärische und wirtschaftliche Interessen handelt.

Ein japanisches Sprichwort: Besser zu sterben als in Schande zu leben! — Schande ist aber nichts Anderes als bei Anderen in üblem Ansehen stehen.