DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

4. Oktober 2010

Mein Hund döst ausgestreckt in seiner Ecke und scheint von mir und der Welt nichts zu wollen als seine ungestörte Ruh. Sobald ich aber einen Laut von mir gebe, in der Art, in der ich ihn sonst lobe und liebkose, hebt sich sein buschiger Schwanz und wedelt ein zwei Male auf und ab. Ein Wunder, daß er mich überhaupt hört, daß er merkt, er sei gemeint, daß er sich, wegen dieses unscheinbaren Lautes, die Mühe macht mit seinem Schwanz zu wedeln.

Aber auch wir haben einen solchen Schwanz, nicht außen sichtbar aber in unserer Seele, wir reagieren auf die unmerklichsten Zeichen und Äußerungen der uns Umgebenden, freundliche lobende, feindselige, ablehnende, und sofort kommt in uns eine Maschinerie von Ängsten, Aggressionen, Wohlgefühlen, Zuneigungen, von Kränkung und erhebendem Stolz in Gange. Wenn man da an der richtigen Stelle einen Muskel einpflanzen und einen Wedel daran befestigen könnte, was gäbe das für ein Gewedel!

Dabei wollen wir alle frei und selbstbestimmt sein, nicht nach anderer Pfeife tanzen, keine Marionette sein, nicht vor ihrer Meinung über uns erbeben — und doch sind unsere zartesten inneren Regungen, unsere Launen und im Grunde unser ganzes Glück mit geheimen Banden an unsere Nächsten angeschlossen, und in allem Fürchten und Freuen sind wir ganz und gar von ihnen gelenkt und gesteuert.

Andererseits, gelänge es einem, sich von diesen Marionettenfäden zu befreien, so könnte er uns kaum weiter für einen Menschen gelten. Denn wie sollten wir unseresgleichen in ihm erkennen, weswegen mit ihm verkehren, wenn es doch keine wirkliche Verbindung mit ihm gäbe? Was bliebe, wenn er auf unsere Drohung, Mißachtung, Lob und Zärtlichkeit nicht mehr reagierte — wenn er frei wäre?