DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

2. Oktober 2010

Meine Darstellung des Moralischen mag hilfreich sein, weil sie klarmacht, dass die maßgeblichen Maßstabsetzer ja auch bloß Menschen sind mit ihren wechselnden Wertungen und Launen. Unsere „Vergehen“ sind demnach keine Vergehen gegen ein Absolutes, von Gott oder der Natur oder der Humanität Gegebenes, sondern bloß Angriffe auf die Interessen einer parteiischen Gemeinschaft — welche dies natürlicherweise mit Wut und Haß beantwortet und uns, aus Rachbegier, zu strafen sucht.

Die Vorstellung, daß in anderen Zeiten, Gegenden, Verhältnissen sich jemand finden ließe, der ein milderes Urteil spräche, kann durchaus trösten — nicht viel anders, als das Vertrauen auf eine göttliche Gnade — und daß sich womöglich welche fänden, die uns für die von allen geschmähte Tat noch lobten, erhebt uns bereits zum Märtyrer: Und wer verläßt Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen, der wird’s hundertfältig nehmen und das ewige Leben ererben. Aber viele, die da sind die Ersten, werden die Letzten, und die Letzten werden die Ersten sein. Und zum Verbrecher: Wahrlich, ich sage dir, noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein!