DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

24. September 2010

Wir sind durch und durch in Moralität verhaftet, weil wir immer bewerten und bewertet werden. Aber dieses Gut- oder Schlechtsein betrifft nicht nur das eigentlich Moralische sondern alle unsere Handlungen und geht hinab bis zum einfachsten Handgriff. Wir bewerten einander — und uns selbst — in der Geradheit des Ganges, in der Geschicklichkeit beim Ballspiel, in der Tüchtigkeit beim Handwerk, in der Gewissenhaftigkeit der Berufsausübung, im Fleiße, in der Bescheidenheit, in der Freundlichkeit, im Guten Geschmack, in der Mäßigung des Lebenswandels, in der Gerechtigkeit, in der Menschenliebe, in der Frömmigkeit.

Über unsere Vorzüge und Mängel in all diesen Disziplinen wird ohne Unterlaß gerichtet, zum Teil im offenen Gespräch, zum weitaus größeren Teil von eingebildeten inneren Stimmen: Was würde der über mich denken, was würde jener sagen, wenn er mich jetzt sähe? Wir stellen uns vor, was diejenigen, welche uns gewöhnlich Freundlichkeiten und Lobsprüche sagen, wohl in Wahrheit von uns halten und hinter unserem Rücken einander zustecken könnten. Und wenn einer wagt uns anzuklagen, dann schlagen wir zurück, als wenn‘s an unser Leben ginge. Dabei sind‘s doch nur Gespenster und Phantasiegebilde, innere von uns selbst einberufene Gerichtstage — denn das tatsächlich Ausgesprochene ist nur ein Bruchteil davon und besteht selbst dann aus nichts als bloßen Schallwellen, die uns niemals physisch schaden oder nützen können.

Das Physische, die materiellen Vor- und Nachteile, machen nur einen kleinen Teil unserer Befindlichkeit, die Hauptsache ist das Seelische, welchem daher zu allen Zeiten die höchste Bedeutung zugemessen und welches, in diesem Sinne, vielleicht nicht ganz zu unrecht vom Körperlichen getrennt wurde.

Selbst das Wohlgefühl, welches von einer guten körperlichen Verfassung herrührt, wenn wir uns kräftig fühlen, beschwingten Schrittes einhergehen, an unserem Spiegelbilde Freude finden, ist in Wahrheit hauptsächlich seelischen Ursprungs: Wir fühlen dann, daß unser Äußeres heute auf Andere guten Eindruck machen muß.

Die seelische Befindlichkeit rührt von nichts anderem, als wie wir bei Anderen ankommen, geachtet und geliebt werden — oder vielmehr, in den meisten Fällen, von unserer Vorstellung davon. Auch warum das Seelische ewig, das Körperliche aber vergänglich und minderwertig angesehen wurde, ist verständlich, denn das Seelische ist überall die Hauptsache: Es kümmert uns noch weit über den Tod hinaus, was die Andern dann von uns denken mögen, ob sie unser Wesen liebenswert, unsere Taten lobenswert, unser Testament gerecht finden werden, das sind unsere Sorgen für die Zeit nach dem Tode. Keiner wird sich grämen, daß er dort keinen Käse mehr bekommt, seinen 95er Bordeaux vermissen wird oder den Freuden des Bettes entsagen muß — aber wie seine Kinder über ihn reden werden, das kümmert ihn wohl.