DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

17. September 2010

Mein strenges Urteil aus früheren Tagen: Die griechischen Bildhauer haben in der klassischen Zeit den Höhepunkt der Kunst erreicht, indem sie die abstraktere Reinheit und Klarheit der Archaischen Epoche mit Natürlichkeit und Lebendigkeit in subtiler Eleganz verbanden. Später wurden die Formen oftmals zu natürlich, die Muskeln traten zu sehr im Detail hervor, und das Gesicht verlor den idealen Schein. Dies steigerte sich besonders in der römischen Epoche und mußte so sein, weil die Römer ein Volk von Kriegern, nicht von Künstlern waren.
Das war eine Sicht im Sinne Winkelmanns. Heute würde ich lässiger urteilen – denn ich muß zugeben, daß es im Grunde mein Urteilsvermögen übersteigt, die einen für besser, die andern für schlechter zu halten. Ich frage jetzt nicht mehr nach Stilrichtungen und Epochen, Künstlern oder Techniken, sondern bloß nach dem Genuß, den mir das Werk, das ich gerade vor mir habe, gewährt. Es geht mir dabei wie mit dem Wein: Ich merke wohl ob er mir schmeckt, aber nicht ob er auch den feinen Ansprüchen genügen kann.