DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

2. September 2010

Gutseinwollen, Hervorragen, in gleich welcher Disziplin, ist die oberste und allgemeinste Triebfeder alles Natürlichen. Die Eiche will durch Größe und Dauer überragen, die Rose mit Duft und Farbe — und mit Dornen wehrt sie ihre Feinde ab. Der Mensch setzt seine Körperkraft ein im Wettkampf, will mit Schönheit Eindruck machen, mit Geistesreichtum glänzen, den Gegner mit Intrigen verwirren, mit moralischen Anklagen in die Enge treiben, mit Tugend andere für sich einnehmen und auf seine Seite ziehen.

Moral ist dabei nur ein verfeinerter höherer Mechanismus in diesem allgemeinen Wirkensprinzip der Natur, sie steht zu den tierischen Trieben und Instinkten wie die Feinmechanik zur groben Schmiedekunst, nicht grundsätzlich verschieden aber immerhin von ungleich höherer Subtilität.

Alles strebt in diesem Sinne zur Selbstbehauptung, zum Aufstieg, zum Gutsein — und also schließt sich der Kreis zur Lehre des Plato, denn auch dort ist das Gute das höchste Gut. Plato leitet es von der Idee, vom Geistigen herab zum Körperlichen, wir leiten es vom Körperlichen herauf und erkennen darin das oberste Naturprinzip, das Ziel und den Gipfel aller Natur — und wir würden uns nicht wehren, wenn einer sagte, dem läge ein geistiger vollkommener Plan zum Grunde — denn also schließt sich der Kreis.