DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

29. August 2010

Wenn ich bedenke wie herzlich uns die Dichter rühren, sobald sie ihren Gestalten den Glanz der Liebe, der Güte, des Mutes leihen, veredeln durch Mitleiden, Milde, Aufopferung, Gerechtigkeit, Tapferkeit, ja wie diese wunderbaren Triebfedern uns bis ins täglichste Leben bewegen, unser Urteil über uns selbst und andere hauptsächlich bestimmen — so kommt mir meine nüchterne Hinterleuchtung der Moralität im Vergleich sehr hölzern und und knöchern daher: Kann tatsächlich alles nur ein Handel sein, bei dem jeder auf seine Kosten kommen will? Welche Daseinsberechtigung soll eine solche Darstellung haben, wo sich doch alle Welt lieber am Schönen und Großen erbaut?

Jedoch, ein jedes Ding läßt sich in Wahrheit von verschiedenen Seiten besehn: Von außen betört uns der Rose Duft, die leuchtende Farbe und üppige Form, im Innern aber reizt es, die Zellen und Fasern und den Stoffwechsel zu analysieren. Hinter jeder Erscheinung steht etwas, das sie hervorbringt — und dies ist wieder Erscheinung, hinter der wieder eine andere steht, und dies findet kein Ende, solange nicht Neugierde und Forscherdrang erlahmt.

Wir denken gerne, Liebe, Güte, Mitleid, Mut, Gerechtigkeit seien bereits das Innerste, seien elementarste moralische Energien, aus welchen dann die guten Handlungen hervorgingen — aber dem ist keineswegs so, auch sie sind Erscheinungen, hinter denen, als ihren Ursachen, wieder andere Erscheinungen stehen. In diese Hintergründe und Tiefen zu blicken, wird vielleicht nicht jeden und nicht jederzeit begeistern — auch ich denke nicht an Zellen und Fasern, wenn mir das Herz in meinem Rosengarten schwillt — aber sie sind deswegen doch nichts weniger als belanglos und durchaus geeignet, einen forschenden Geist in erfreulicher Bewegung zu halten. Natürlich ist meine Art hinter die moralischen Heiligkeiten zu blicken nüchtern, oftmals ernüchternd, aber doch auch erstaunlich — und insofern mag sie zuweilen gar unterhaltsam sein, weil sie in ihrer Radikalität und Rücksichtslosigkeit schon wieder das Schalkhafte berührt.