DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

14. August 2010

Über das heutige Kunstwesen zu schelten läßt sich gar mancher hinreißen, wenn er bedenkt wieviel Geld hier gemacht und Aufsehen erregt wird, bei wenigem Können.

Der Künstler will durch Besonderheit glänzen, statt durch Arbeit und Talent, der Betrachter tiefe Geistigkeit bekunden, wenn er sich voll Ehrfurcht in ein kotähnliches Häufchen auf verschmierter Leinwand versenkt. Je abstruser das Gebilde, desto tiefschürfender muß ja der Geist sein, der darin Wichtiges aufzuspüren vermag. Also arbeiten sich Künstler und Kunstfreund trefflich in die Hände, und jeder gewinnt dabei, was er begehrt.

Sich darüber zu ereifern, lohnt jedoch nicht. Denn abgesehen davon, daß man es nicht ändern wird, handelt es sich bei dieser Kunstszene auch nur um einen Sammelhort menschlicher Eitelkeit, um ein Großtun, nicht mit Edelsteinen und teuren Wagen, sondern mit geheimen Ahnungen, vermuteten Mysterien, heiligen Genialitäten und oft nur mit dem Gespür fürs Aufsehenerregende. Das Großtun sowie die Angst, aus dem Kreise der Eingeweihten verstoßen zu werden, gehört zu den menschlichen Schwächen, die aber, in diesem Falle wenigstens, keinen großen Schaden anrichten.

Außerdem bleibt jedem unbenommen, seine Kunst anderswo zu suchen – und an vielen Orten wird man fündig.

Warum sollte man schließlich nicht alles als Kunst durchgehen lassen, was einen Liebhaber und Bewunderer findet, vom einfachsten Schlager, einer gefälligen Photographie, einem witzigen Film, bis hin zu den größten Werken unserer Kultur. Wenn einer braune Flecken auf zerknittertes Papier wirft, und wenn sich welche finden, denen es Vergnügen bereitet oder Andacht einflößt, so mag es denn Kunst sein – und nicht weniger das volkstümliche Alpenpanorama mit weißen Bergketten unter tiefblauem Himmel, hinter saftigen Wiesen, mit gesunden Kühen bestückt.

Am Ende tut jeder was er will und kann – und womit er die meiste Anerkennung, den meisten Einfluß zu gewinnen glaubt. Darin nämlich ist das ganze Kunstwesen allem übrigen menschlichen Treiben vollkommen gleich.