DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

11. August 2010

Seneca will uns beweisen, daß Zorn verderblich sei. Alle Einwendungen, es könne der Zorn doch zuweilen auch Nutzen bringen, ja selbst Gerechtigkeit, wenn es nur ein gerechter Zorn wäre, bestreitet er damit, daß eine solche Regung dann eben nicht Zorn zu nennen sei, denn dieser schade grundsätzlich.

Solche als Beweise verkleidete Definitionen sind sicherlich nicht die glücklichsten Kunstgriffe, werden aber deswegen doch nicht seltener angewendet. Andererseits ist es vielleicht von keiner großen Bedeutung.

Seneca sagt, was er gut und was er schlecht, was er wohltuend und was verderblich findet und versucht es von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Ob er zu diesem Zweck nun mehrere Arten von Zorn zulassen soll, verderbliche und edle, oder ob er den verderblichen alleine den Namen Zorn zuweisen darf, den andern aber andere, darüber zu streiten ist müßig. Wenn er mit seinem Vorgehen die Nüancen des Sprachgebrauches auch übergeht, so gibt er immerhin seiner Sache einen prägenden Namen und hilft dem Leser vielleicht, sich den Begriff davon zu bilden. Ein Wort „Zorn“ steht obenan, es gilt das Schädliche zu finden, welches darunter zu versammeln ist.

Im andern Falle gäbe es viele Stufen und Schattierungen des Zornes, deren jeder man das jeweilige Maß an Gutem und Schlechtem zuordnen müßte und sie entsprechend besser oder schlechter nennen. Selbst wenn eine solche Versammlung von vagen Begriffen unsere vielfältigen Empfindungen beim Gebrauche des Wortes „Zorn“ besser widerspiegeln würde, so kommen wir auf Senecas Weg doch leichter zu einem Begriff des Schädlichen, welches die gewöhnliche Folge dieser unbeherrschten Leidenschaften zu sein pflegt – und darauf kommt es ihm alleine an.

Immerhin bilden solche bloß scheinbaren Beweise eine Art Modelliermasse, um einem Gedanken Gestalt zu leihen, und daß, im eigentlichen Sinne, nichts bewiesen sondern nur behauptet wird, relativiert sich, wenn wir bedenken, wie unsicher im Grunde all unsere Beweise dastehen, wie schnell sie bei anderen Perspektiven, anderen Absichten und Neigungen zu Fall kommen und man in der Regel besser daran tut zu prüfen, ob man das, was bewiesen wird, auch haben will.