DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

6. August 2010

Im Zitieren liegt viel Eitelkeit und Prahlerei. Der eine zeigt seine Belesenheit, der andere seine Sprachkenntnisse, ein dritter die illustre Gesellschaft, welche seine Meinungen teilt. Berühmte Namen werden herbeigerufen, um den eigenen schwächelnden Gründen aufzuhelfen, und gar in den Wissenschaften, wo einer nur den andern nachäfft und man von ferne schon hört, aus welchem Potte geschöpft wird, braucht man Zitate, um das Gestohlene mit Geborgtem zu schmücken.

Ich habe einen gekannt, der konnte keinen Satz zu Ende bringen, ohne seinen Lieblingsschriftsteller hineinzuflechten, den er allmählich auswendig wußte und sich viel darauf zugute hielt. Sicher hat mich die Eitelkeit und Prahlerei dabei gestört, aber mehr noch, daß ich stets nur mit einem Weiterträger und Vermittler sprach.

Andererseits, würde ein Autor sich immer nur mit seinem Leser unterhalten – obschon Gespräche unter zweien in der Regel die fruchtbarsten sind – könnte es doch auf die Länge öde werden, wo dann weitere Teilnehmer oftmals die Lebhaftigkeit des Geistes, den Witz und überhaupt das Vergnügen heben.

Wenn ich andere anführe, so will ich damit am allerwenigsten vorgeben, mir seien ihre Schätze allgegenwärtig – ich würde mich vor jedem bloßstellen, der mein Gedächtnis kennt – nur die Augenblicke und der Zusammenhang, da mir dies eine und andere beifiel, sollen festgehalten sein, um die Dürre ein wenig zu besprengen, die herrschen müßte, brächte ich nur, was ich als festen Besitz ständig mit mir trage.

Auch beim Zwiegespräch mit einem Freunde mischen wir ja häufig die Reden und Meinungen anderer Freunde hinein, nicht zum Beweisen oder unser Gedächtnis zu rühmen, sondern zum Beleben.

Überhaupt, es tragen auch die großen Geister vor allem das weiter, was sie von ihren Vorgängern aufgenommen, und mit dem Grade, wie sie es auf unterhaltsame, unseren Geist belebende Weise präsentieren, wird es wieder frisch, dem neuen Obste vergleichbar, das ja seit Jahrhunderten jedes Jahr in gleicher Weise reift, aus dem gleichen Samen oder Stamm, und doch immer köstlich mundet