DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

2. August 2010

Es gibt keinen neutralen Standpunkt, von dem aus zu entschieden wäre, ob eine Heils- oder Weisheitslehre besser ist als eine andere. Nichteinmal feststellen läßt sich, ob einer glücklicher ist als ein anderer, und bei genauerem Hinsehen wagen wir kaum noch anzugeben, ob es uns im letzten Monat besser oder schlechter ging als vor einem Jahr oder an einem andern Ort. Wenn sich aber das Glück nicht wägen läßt, wie müssen dann erst recht alle Lehren, deren einziges Ziel doch ist, das Glück herbeizuführen, letztlich von gleichem Wert oder Unwert sein.

Mancher Jüngling ist um so ratloser, je mehr er sich der Vielfalt und Richtungslosigkeit dieser Welt bewußt wird, denn er findet keinen Unterschied mehr zwischen Plato und Buddha, zwischen Jesus und einem vorübergehenden Heilskünder. Und nicht nur, weil sie alle gleich gut wären, sondern weil sie sich in vielen wesentlichen Dingen widersprechen und also sämtlich angezweifelt werden können.

Aber das Leben steht vor ihm, und die Sehnsucht, sich einem Gültigen hinzugeben, selbst etwas Gültiges zu vollbringen, öffnet ihn wieder für die Werte einer Denk- oder Glaubensrichtung. Vielleicht, je weiter er entfernt war, desto feuriger vertraut er sich dann einer Lehre und gibt sie für die beste und einzig wahre, während er die übrigen gebieterisch verwirft.

Mit den Jahren vermischt sich dann die gewählte Lehre mit dem Leben, den eigenen Stärken und Schwächen, den äußeren und inneren Widrigkeiten, und er erfährt, was die Lehre ihm und gerade ihm sein kann, was er mit ihr sein kann. Hat er bis dahin einen Mythos verehrt, sich Begriffen, Gesetzen, logischen Gedankengebäuden oder einem Ritus unterworfen, so verlieren diese allmählich ihre absolute Gültigkeit. Dennoch muß er sie nicht verwerfen, sondern kann sie pflegen wie ein schönes Kleid, das einen nicht ebenso vollkommenen Körper umhüllt und ihm ein wohlgefälligeres Ansehen leiht.

Nur wer die Stoffe, Schnitte, Bügelfalten und Parfüme für das einzig Wahre und Wichtige nimmt, muß darunter, mit seinem umförmigen Körper von zweifelhaftem Duft, wie ein lächerlicher Geck erscheinen. Wem sie nichts weiter als kunstvolle Hilfen sind, der kann sich dauerhaft daran erfreuen – und mit Vorteil präsentieren.

Nun kann er auch andere und selbst gegensätzliche Lehren gelten lassen. Denn wie wir oft andere in ihren Kleidern ob ihrer Schönheit bewundern, uns deswegen aber nicht ebensolche anziehen, so können wir sie auch in ihrer Religion, politischen Partei oder philosophischen Lehrmeinung ihren Weg gehen lassen, ohne auf dem eigenen irre zu werden.