DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

30. Juli 2010

Autorität des Autors

Wenn uns ein Autor für sich eingenommen hat, wenn wir seine Naturkraft und Souveränität anerkennen, so verzeihen wir ihm leicht manche Unvollkommenheit, und Stellen, die wir nicht verstehen, lassen wir offen oder geben dem Autor Kredit, daß er bei den dunklen Worten sicher etwas gedacht oder empfunden oder sie zumindest als ein Spiel genommen. Ein Autor hingegen, der sich diese Autorität nicht verschaffen konnte, ist hier sehr im Nachteil. Was man beim einen entschuldigt, zieht diesen herab und was man dort offen läßt, gar heilige Mysterien vermutend, wird diesem als leichtsinniges Umherschweifen in verschwommenen Phantasiebildern ausgelegt.

Diese Frage der Autorität und Souveränität hatte für mich lange eine allzu große Bedeutung und ging so weit, daß ich sämtliche Schreiber in zwei Lager teilte, wobei die Unteren wenig Aussicht hatten, jemals zu den Wahren und Eigentlichen aufzusteigen, die Oberen kaum fürchten mußten, ihr Privilig zu verlieren. Eine rechte Zweiklassengesellschaft also, mit deren unterer, zu welcher vornehmlich auch die Zeitungsschreiber und Akademiker zählten, ich mich niemals wirklich abgegeben habe, sie allenfalls als Dienstboten nahm, die irgendwelche Nachrichten oder wissenschaftliche Daten zutrugen.

Auch im Kreise der Erlauchten gab es freilich eine Rangordnung: Der eine schien brillianter, der andere langweiliger, der eine zu schwärmerisch, der andere zu trocken, doch immer blieb ein unzerstörbarer Kern des Verehrungswürdigen. Jünger hatte die „Stahlgewitter“ geschrieben, da konnte mich sein „Arbeiter“ langweilen wie er wollte, niemals war dadurch die Klassenzugehörigkeit in Frage gestellt. Schopenhauer hatte mich mit seinem Scharfsinn und anfangs gar mit seiner dreisten Überheblichkeit gewonnen, daran konnte sein Starrsinn und oft in die Irre führende Verbohrtheit nichts mehr ändern. Meist mit wenigen Umschweifen verlieh oder versagte ich die Aureole der Genialität und fand kaum einmal Anlass, mein kategorisches Urteil zu widerrufen.

Dies stand in einigem Widerspruch dazu, daß ich bereits in jungen Jahren allen Glauben an objektive Maßstäbe in Kunst, Moral, Politik und selbst in der Wissenschaft abgelegt hatte. Allein auf diesem Gebiete, das man vielleicht das Genialische nennen könnte, ob nämlich aus einem Menschen etwas Ursprüngliches, Schöpferisches spräche oder nur ein schwächlicher Schatten, ein kleingeistiger Parasit, darin war ich voll der Anmaßung, und glaubte, ein untrügliches Gespür fürs Wahre, Echte, Bedeutsame zu besitzen: Entweder es war vorhanden oder niemals zu erlangen.

Inzwischen muß ich wohl eingestehen, daß dabei nicht nur eigene Urteilskraft waltete, denn wer schon lange berühmt und von anderen Großen empfohlen war, fand leichter meine Gunst und zog mit Glanz und Ehren oben ein, wer dagegen bereits von einem Anerkannten abfällig behandelt oder verspottet worden, tat sich schwer und mußte oft nach kurzer Vorstellung hinab. Einen Freibrief gab es immerhin nicht, denn gar manchem, wie etwa Cicero, Herder und Wieland, blieb es trotz ihrer Fürsprecher und Jahrhunderte verwehrt, obschon ich nicht leugnen konnte, daß sie hervorragende Arbeiter waren und mir in dieser Hinsicht alles voraus hatten.

In der Jugendzeit bilden wir Cliquen, und jederzeit scheint dort ausgemacht, wer aufgenommen und wer niemals Zugang finden wird. Ein nicht Benennbares aber unsäglich Wichtiges, das sich mit keiner Bemühung und keinem Dienst erwerben läßt, gibt hier den Ausschlag. Unser Urteil scheint dabei ganz klar und ohne Subjektivität, gewissermaßen durch höhere Eingebung ausgesprochen.

Jedem Außenstehenden scheinen solche Einteilungen nur übermütiger Hochmut und auch uns selbst, im Rückblick, weit überzogen, zumal sich ja unter den „Auserwählten“ so mancher als Niete erwies. Wenn wir dann auf ebensolches Treiben der gegenwärtigen Jugend schauen, können wir uns ein mildes Lächeln nicht versagen über soviel Aufhebens und so hohes Gerichtswesen bei so geringen Unterschieden – die sich obendrein im Laufe der Zeit noch aufheben oder ins Gegenteil verkehren werden. Etwa ist ein Abstand von drei Jahren dort von unermeßlicher Bedeutung, im Alter von gar keiner, viele Freunde haben und viel bei ihnen gelten das Wichtigste von der Welt, später genügen wenige, und die Rangfolge interessiert keinen mehr.

Inzwischen scheinen mir auch meine Generalurteile über die Schriftsteller zu bröckeln und vielleicht werden sie einmal so belanglos, daß ich, im Blick zurück, auch für sie nicht mehr als das milde Lächeln finde. Zwar werde ich immer den einen dem andern vorziehen, wie mich auch nach wie vor nicht jede Gesellschaft gleich gut unterhält, doch wird das Einteilen und Bewerten schließlich ganz dem Genusse weichen, d.h. der Frage, wie wohl ich mich finde, wie ich meinen Geist beflügelt und erquickt sehe – stets eingedenk, daß dessen jeweilige Verfassung die Hauptsache daran macht. Denn selbst die besten meiner Auserwählten haben mich, bei anhaltender Lektüre, zu langweilen begonnen oder sich in Widersprüche verstrickt – wenn an einem Tag mein Geist mürrisch und kritisch gestimmt war.