DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

29. Juli 2010

Andere berichten uns zuweilen, daß andere übel von uns reden und bewirken damit nicht wenig. Die bloße Vorstellung solcher Nachrede wühlt uns schon gehörig auf und erregt unseren Zorn, gleichviel ob da Wahres oder nur Erfundenes herumgereicht wird, und mit aller Selbstbeschwichtigung, es sei ja allenfalls Gerede und der Einsichtige brauche sich um die Meinung anderer nicht zu kümmern, schaffen wir doch kaum, den inneren Groll niederzuringen.

Zum Glück geschieht das nur selten, denn, obwohl über jeden sicher nicht wenig Übles geredet wird, sagt es uns doch kaum einer ins Gesicht, und diejenigen, die es erfahren, verschonen uns in edler Rücksichtnahme – oder weil sie fürchten, selbst zwischen die Mühlräder zu geraten. Zumal, je weniger Interesse an unserem Ruf wir nach außenhin bekunden, desto unangefochtener werden wir leben.

Allerdings sollte keiner prahlen, ihn scherten die Nachreden und Meinungen der anderen nicht. Selbst in heiteren Stunden stehen wir beständig unter ihrem Einfluß, und erst recht sind wir nicht gefeit, in geschwächter Lebenslage davon gänzlich aufgerieben zu werden.