DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

26. Juli 2010

Hier auf Erden hat das moralische Treiben wohl einen Sinn, denn durch die ständige Sorge geachtet zu werden, nicht in Ungnade zu fallen, moralischen Druck auszuüben und zu erfahren, wird der Mensch und die Welt in Gang gehalten.

Aber, wenn es denn eine Geisterwelt geben soll, in die wir nach dem Tode eingehen, so denke ich sie frei von derartigen Umtrieben, denn es muß dort, wo alles einen leichten, feierlichen, heiteren Gang geht, auch alle Konkurrenz und damit auch die Frage von Gut und Böse aufgelöst sein. Deswegen werden die Verstorbenen, wenn sie am Irdischen je noch Anteil nehmen, sich kaum mit Urteilen und Verurteilen beschäftigen sondern allenfalls ihre milden Blicke schweifen lassen über unser Tun.

Zumindest wäre dies eine angenehme Vorstellung, denn selbst wenn man die hiesigen Kämpfe als ein herrliches Naturschauspiel ansieht und auch alle großen Taten und menschlichen Leistungen ohne diesen Antrieb nimmermehr zustande kämen, so bringt es eben auch viele Mühe, Verdruß und manches Leiden mit sich, und man wünschte sich — für ein ewiges Leben — doch lieber davon erlöst.