DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

25. Juli 2010

Bisher glaubte man, es gäbe wahre große Handlungen, die ihren Lohn in sich selbst trügen, während Ruhm und Lob nur eine gefällige Beigabe sei, deren sich der wahrhaft Tugendhafte aber leicht entschlagen könne. Jetzt scheint es aber, als sei der Ruhm das Eigentliche, mithin Antrieb und Ziel des Tugendhaften, während die Gute Tat einmal dies, einmal jenes sein kann, ganz und gar auswechselbar, sich oft widerstreitend — wenn man einmal diese, einmal die ihr verfeindete Partei betrachtet — während das immer sich Gleichbleibende allein die Begierde nach Ruhm und letztendlich nach einem möglichst hohen Range im Rudel ist. Die Werte und Tugenden sind austauschbar, unterscheiden und widersprechen sich gar sehr; die Begierde nach Anerkennung, Lob und Ruhm hingegen bleibt sich immer gleich und erfüllt einen jeden bis ins innerste Mark.

Ich würde sogar für problematisch halten, das Ausmaß und die Intensität dieser Begierde bei verschiedenen Menschen für unterschiedlich stark angelegt zu sehen. Vielleicht ist sie nämlich bei allen gleich stark und nur das Wirkensfeld verschieden, beim einen größer, beim andern kleiner. Der eine setzt seine gesamte Energie darein, am Arbeitsplatz, bei den Freunden oder beim Ehegatten zu gelten, Aufmerksamkeit zu gewinnen, Einfluß zu üben, Macht zu haben, der andere erwählt sich für dieses Turnier einen ganzen Staat, und wieder ein anderer denkt, er könne mit seinen Schriften durch Jahrhunderte, Jahrtausende glänzen und in der Republik der Geister einen exzellenten Platz einnehmen.

Vielleicht sind sie aber alle, ob ins Kleine oder Große strebend, mit den gleichen Begierden, den gleichen Sorgen am Werke, von derselben Intensität, nur eben auf verschieden großem Schlachtfelde.