DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

21. Juli 2010

Daß um Ehre und Ansehen die Alten sich mehr sorgten als die Jungen, ist ganz falsch. Es scheint dies nur so, weil sie es deutlicher aussprechen und einfordern — vielleicht weil es ihnen mit den Jahren bewußter geworden, daß darauf alles ankommt. Die Jungen sind aber deswegen nicht weniger hungrig auf Lob, streben überall nach Auszeichnung, im Sport, in der Musik, in der Schule, in den Künsten, wollen glänzen mit Körperkraft, Bräune und geschniegelten Haaren oder auch nur mit lockeren Sprüchen. Sie leben noch mehr in der Illusion, es käme auf diese Dinge selbst an und sehen nicht, wie immer nur das Streben nach Ansehen dahintersteht. Ihre Leistungen sind sozusagen nur der Preis, den sie bezahlen für das eigentliche Gut, das Ansehen und den Ruhm.

Bei den Alten wird es dann freilich mehr und mehr grotesk, weil sie nichts mehr bieten können, um für das Ansehen zu bezahlen, sich statt dessen darauf berufen, sie hätten bereits bezahlt, mit den Leistungen ihrer früheren Jahre — aber solche Forderungen will man natürlich nicht unbegrenzt erfüllen.