DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

19. Juli 2010

Allenthalben hört man heute in Urteilen über Kulturdinge die Frage nach der Neuheit. Hat der Künstler Neues in die Welt gesetzt, so ist’s gut, hat er sich bloß einer Tradition angeschlossen, wird’s zum Kunsthandwerk geschoben, Geist und Phantasie aber abgesprochen. Wieviel Qualität und Gehalt darin steckt, will man kaum wissen.

Selbst wenn einer darangeht, über frühere Werke und Meister zu urteilen, sucht er nicht was gut, sondern was einmal neu oder gar revolutionär gewesen sein könnte. C. W. Glucks Orpheo war nicht in erster Hinsicht gut, sondern neu, weil er angeblich die französische und die Italienische Oper revolutioniert habe.

Vielleicht muß der Mensch das Alte jetzt auf dieser Ebene beurteilen, da es die einzige bleibt, auf welcher so viele miserable Produkte seiner eigenen Zeit bestehen können: denn zu oft sind sie in der Tat nur neu und haben darüber hinaus nichts zu bieten.