DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

13. Juli 2010

Man könnte meinen, es gäbe unter den Produkten menschlicher Betriebsamkeit edlere und weniger edle, entsprechend dem Grade wie sie für sich selbst genossen werden oder eben nur Zwischenprodukte und Mittel sind zu denjenigen, auf die es am Ende ankommen soll. So will man beim Kosten des Weins nichts wissen von den Erntemaschinen, beim Ansehen schöner Möbel nichts von Sägen, Hobeln und Bohrern.

Alles Mechanische, Technische, alle Maschinen und Werkzeuge wären demnach nur nützlich, als Vorstufen zu den eigentlichen Endprodukten menschlichen Schaffens, nämlich unseren köstlichen Speisen, schönen Kleidern, stilvollen Wohnungen, unserer Musik, Malerei und Literatur. Und diese wären dann am vollkommensten, wenn sie, frei von jeglichem Hinweis auf die Mühen und Absichten und Gerätschaften, welche zu ihrer Herstellung erforderlich, sich zur reinen Freude und Erbauung darböten.

Kommt es aber wirklich darauf an, das Edlere vom weniger Edlen zu unterscheiden oder geschieht dies nur aus Dünkel und Snobismus? Warum soll nicht alles in dem Maße edel und wertvoll sein, als einer seine Freude daran hat? Soll nicht jeder sein eigenes „Endprodukt“ haben, in das er sich verlieben darf? Dem einen sind es Landschaften, Pflanzen, Menschen, Tiere, Steine, ein anderer liebt schöne Abbilder dieser Dinge, Gemälde, Skulpturen, Photographien – aber mancher Photograph vernarrt sich eben auch in seine Kamera, die Linsen, Objektive, Filter, Blitze und Laborgeräte, ein Fabrikant schwärmt von Drehbänken, Fräsmaschinen und Bohrwerken, mit denen allerlei und vielleicht des Photographen Kamera hergestellt wird, und schließlich liebt der Bauer seinen Boden, der Minenbesitzer seinen Berg.

Und jeder will seinen Schatz vorführen und auf andere damit Eindruck machen, mit seinem Besitz, seinem Sachverstand, seinem Guten Geschmack, seinem Kunstverstand – denn das Eindruck–Machen ist letztlich der Punkt und der eigentliche Quell seiner Freude.