DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

24. Juni 2010

Man sagt, das Mitgefühl mit anderer Leute Unglück nehme mit der Entfernung ab — etwa als wäre es eine physikalische Größe wie die Intensität der Lichtstrahlung, die mit Entfernung von der Lichtquelle schwächer wird. Rousseau sagt: Il semble que le sentiment de l’humanité s’évapore et s’affaiblisse en s’étendant sur toute la terre, et que nous ne saurions être touchés des calamités de la Tartarie ou du japon, comme de celles d’un peuple européen.

Die eigentliche Größe für die Intensität des Mitgefühls ist aber nicht die Entfernung sondern der Grad der sozialen und emotionalen Verwicklung: Wie sehr muß ich den Vorwurf des Leidenden fürchten, wie sehr den Vorwurf anderer, die mich beobachten, welchen Ruhm darf ich erhoffen, wenn ich mein Mitgefühl zeige, dem Leidenden womöglich beistehe, womöglich von dem Meinigen etwas opfere, um ihm aufzuhelfen?

Ein Parameter mag hier sicher die Entfernung sein, weil ich vom anderen Ende der Welt in dieser Hinsicht weder viel zu fürchten, noch viel zu hoffen habe. Aber genauso gut kann mich das Elend meines nächsten Nachbarn ungerührt lassen — solange ich mir nämlich nicht vorstelle, daß er mir für die Ungleichheit unserer Verhältnisse Gram sei oder andere mich wegen meiner Gleichgültigkeit schief ansehen könnten.

Dafür zeugt auch die Teilnahmslosigkeit, mit welcher Menschen in großen Städten und riesigen Wohnblöcken Wand an Wand leben, ohne den geringsten Anteil aneinander zu nehmen, ja ohne irgendetwas voneinander zu wissen. Ihre Teilnahmslosigkeit hat hier weder etwas zu befürchten, noch hätte ihre Anteilnahme Großes zu hoffen — und doch ist die räumliche Entfernung hier wahrlich sehr gering.

Sofern also keine soziale Verbindung zum Leidenden besteht, weder unmittelbar noch auf Umwegen über die Urteile anderer, sofern also in keiner Weise weder Lob noch Tadel durchdringt, bleibt das Mitgefühl kalt, ganz gleich wie nah oder fern der Herd des Unglücks brennt. Auch das Licht muß vor allem ungehindert unser Auge erreichen, daß wir den Gegenstand, von dem es ausgeht, sehen, und nur in zweiter Hinsicht kommt es noch auf die Entfernung an.

Das echte Mitgefühl aber, welches uns unmittelbar überkommt, also auch ohne Furcht vor Tadel oder Hoffnung auf Ruhm, empfinden wir fast nur gegenüber unseren Kindern, in geringerem Maße vielleicht noch gegen die allernächsten Angehörigen und Freunde. Bereits das Unglück eines fremden oder entfernten Kindes rührt uns nur noch durch die Assoziation: Ach, wenn dasselbe nun meinem eigenen Kinde widerführe!