DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

17. Juni 2010

Diese Darstellung der Moral, dass sie sich nämlich ganz und gar aus dem Verlangen nach Ansehen herleitet, gleichbedeutend mit dem Ringen um die höhere Position im Rudel, diese Darstellung löst sämtliche Konflikte der bisherigen Moraltheorien, welche man oftmals mit so vieler Künstlichkeit versuchen musste hinzubiegen. Bei dieser Darstellung wird alles in sich logisch und schlüssig — einzig das Edle, Hohe, Heilige lässt zunächst ein paar Federn, weil solche hergebrachten Inhalte und göttlichen Abstammungen erst einmal verpuffen. Dann aber, wenn man sich an die neue Sichtweise gewöhnt und verstanden hat, dass alles Moralische zum Naturschauspiel gehört, wie der Balzgesang des Vogels und der Kampf um Dominanz in jedem Rudel, einem Naturschauspiel, welches uns in der Tierwelt ergötzt, dann können wir uns allmählich auch mit dem Gedanken aussöhnen, dass im Moralischen nichts Anderes stattfindet, und dass die Existenz und die Leistungen des Menschen deswegen nicht hässlicher, im Gegenteil, noch subtiler und reizvoller werden. Wenn uns beim Pfau schon sein gefächertes Federkleid begeistert, wie müssen wir dann von den moralischen Subtilitäten der Menschen in ihrem täglichen Umgange fasziniert sein.

Andere Moraltheorien müssen sich mit den Problemen herumschlagen, ob es höhere, absolute moralische Gesetze geben könne, ob die Vorschriften von Gott, der Vernunft, dem Mitleid oder einem höheren Sinn für Menschlichkeit herzuleiten seien, wie es möglich sei, dass unser Gewissen, bei gleichen Umständen, einmal kalt bleibt und einmal zur Marter wird, unser Mitleid ebenso uns einmal übermannt und dann wieder, gegenüber gleichem Elend, selig schläft, ja die Frage, wie überhaupt Gott das Böse in der Welt hat zulassen können.

Alle diese Fragen werden gelöst, und die letzte zuerst, denn für Gott ist der Mensch so wenig böse wie für mich mein Hund, wenn er eine Katze jagt — obwohl er der Katze sehr wohl böse erscheint — und also hat Gott auch nicht das Böse zugelassen, denn es gibt für ihn kein Böses. Das Böse ist nichts weiter als ein Interessenskonflikt unter Menschen, ja vielleicht auch unter Katzen und Hunden und überhaupt allen Geschöpfen — aber nur der Mensch kann darüber disputieren und alle erdenklichen subtilstenen Hebelchen des Moralisierens zum Einsatz bringen.

Alle diese Fragen sind beantwortet mit der Erkenntnis, dass wir gefallen wollen und vor Missfallen uns fürchten, weil wir im Rudel möglichst hoch stehen, auf keinen Fall verstoßen werden wollen, weil daran unsere Existenz ebenso hängt wie an Speise und Trank — und daraus her leitet sich alle Moral.

Die Frage dann, warum wir jetzt gerade diesen Gefallen wollen während das Mißfallen anderer uns gleichgültig lässt, ja wir sogar aus ihrem Mißfallen Vorteil ziehen, weil wir dann denen, deren Gegner sie ja ebenfalls sind, umso mehr gefallen, dies und dergleichen mehr ist Teil des subtilen Netzwerkes zwischenmenschlicher Politik, welches sich natürlich in seiner unendlichen Vielgestalt und Wechselwirkung niemals als Ganzes aufklären lässt. Dennoch können wir jeden einzelnen Vorfall unter die Regel des Ganzen ordnen und werden, mit etwas psychologischem Scharfsinn und einiger Lebenserfahrung, selten vor einer ungelösten Frage stehen bleiben.