DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

29. Mai 2010

Wie die Natur dem Körper das Hungergefühl mitgab, damit es ihn erinnere, sich die nötige Nahrung zu beschaffen, so gab sie ihm auch den Seelenschmerz, welcher nichts anderes ist als ein Hunger nach Achtung und Geltung, damit er sich bemühe um seinen Rang, um seine Stellung in der Gemeinschaft, dass er geachtet, respektiert werde, am besten geliebt, denn nur wenn er sich in diesen wichtigsten Dingen behauptet, kann er überhaupt bestehen, statt aus dem Rudel verdrängt zu werden und unterzugehen.

Und so wie der Körper Verletzungen erleiden und dadurch Schmerzen haben kann, so wird auch die Seele durch Herabsetzung oder Missachtung verwundet und leidet entsprechenden Schmerz.

Auch die zuverlässige periodische Wiederkehr des Hungers ist mit dem ganz ähnlich wiederkehrenden Seelenschmerz vergleichbar, dass nämlich der Mensch nie aufhöre, sich um seine Anerkennung, um seine Position in der Gemeinschaft zu kümmern. Hätte er keinen Hunger, würde er bisweilen die Nahrungsaufnahme vergessen, hätte er keinen periodisch wiederkehrenden Seelenschmerz, würde er vergessen, sich im Rudel zu behaupten.

Ebenso die Verwundungen: Würde die körperliche Wunde nicht schmerzen, würde er sich weniger in Acht nehmen, dass er nicht verletzt werde. Würde die seelische Wunde nicht schmerzen, so hätte er weniger Sorge um seinen Rang und seine Geltung, würde vielleicht aus der Gemeinschaft verdrängt, bevor er sich noch klar machte, dass es ihm an etwas mangelte.