DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

27. Mai 2010

Und so begann diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige, was mich erfreute oder quälte, oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als mich im Innern deshalb zu beruhigen. Goethe, Dichtung und Wahrheit.

Ähnliches berichten andere Künstler und Schriftsteller, dass nämlich das „Objektiv-machen“ einer subjektiven Empfindung sie von mancher Last und Qual befreite. Man kann dies noch ausweiten, dass überhaupt alle Menschen sich durch ihre Arbeit von Verstimmung und schlechter Laune befreien. Anstatt hier aber von „Objektivierung des Subjektiven“ zu sprechen, würde ich ganz schlicht sagen: Die inneren Verstimmungen und üblen Launen des Menschen beruhen hauptsächlich und in den meisten Fällen darauf, dass er in irgendeiner Weise sein Ansehen geschmälert sieht, dass er vor anderen versagt oder sich blamiert hat, diesem Schaden zugefügt oder jenen verärgert oder einfach mit der Wirkung seiner äußeren Erscheinung unzufrieden ist.

Wenn er nun eine Arbeit leistet oder ein Werk vollbringt, welches zu anderer Nutzen ausschlägt und er also wieder auf ihre Zustimmung und womöglich Bewunderung hoffen darf, so wird dies seine Stimmung augenblicklich heben. Diese Aussicht, bei anderen wieder zu gelten, ist der eigentliche Grund des Stimmungsaufschwunges — während die sonst gebräuchlichen Benennungen, es fände hier ein „Verarbeiten“, „Objektivieren“, „Sublimieren“ der subjektiven Beklemmung statt, vielleicht etwas Ähnliches meinen, aber nur verschleierte dunstige, dafür hochtrabende, Worte liefern.