DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

3. Mai 2010

Aus dem bisher Gesagten wäre folgerichtig, wenn man seine guten Taten künftig nur noch aus Berechnung täte, d.h. in der Abwägung: „Wieviel muß ich andern nützlich sein, um sie für mich einzunehmen, und auf wieviel Liebe und Anerkennung darf ich dafür hoffen?“

Die erste Schwierigkeit dabei ist, daß diese beiden Währungen keinen festen Wechselkurs haben und also sich das eine Gut kaum gegen das andere aufwägen läßt. Wenn ich meinem Nachbarn fünf Stunden beim Hausbau helfe und dafür in seiner Achtung und Anhänglichkeit steige und eine gewisse Macht über ihn gewinne, weil er jetzt in meiner Schuld steht, wie soll ich berechnen, ob es den Schweiß und die aufgewendete Zeit gelohnt hat? Mein Verdienst und Vorteil besteht aus Dingen, die, an sich schon kaum zu wägen, zudem fast nur in meiner Vorstellung existieren.

Die zweite Schwierigkeit ist, daß wir soviel Zeit, bzw. Geistesgegenwart niemals haben, um ständig in unserem Handeln derartige Abwägungen zu treffen. Wir handeln gegen andere fast immer spontan, nach Gefühl und Laune, und also ist jedesmal entscheidend, ob wir zu einer guten Tat aufgelegt sind und weniger, ob wir uns vorab einen Gewinn ausrechnen können.

Zum Dritten: Selbst wenn wir alles berechnen könnten, so wären wir doch kaum so gute Schauspieler, daß wir diese Berechnungen vor andern verbergen könnten. Sobald sie aber nur die leiseste Ahnung davon bekommen — und sie haben eine feine Nase in diesem Gefilde — nehmen sie die Tat nicht mehr als moralisch gut, sondern eben als berechnend, und sie werden uns dafür mit wenig Liebe und Anerkennung belohnen, und also hätten wir unsern Zweck gänzlich verfehlt.

Demnach bleibt das bisher Gesagte nur eine Betrachtung aber keine Anweisung oder Empfehlung. Wir werden weiterhin handeln wie uns die elementaren Kräfte, Hoffnung auf Ruhm und Angst vor Verstoßung, treiben, und eben weil es die elementarsten Seelenkräfte sind, können Erkenntnisse und Berechnungen nichts gegen sie ausrichten.