DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

2. Mai 2010

Warum pflanzen Menschen Hecken, die ihre Gärten uneinsehbar machen, warum ziehen sie abends die Vorhänge zu und schließen die Läden? Doch nur, weil sie Angst haben — aber nicht vor Einbrechern, sondern vor der Meinung ihres Nachbarn. Der soll nicht sehen, wie sie in der Sonne liegen, auf dem Sofa lümmeln, wie sie essen und wieviel. Auch von schlampiger Hauskleidung soll er nichts erfahren, nicht wie sie in der Nase bohren, an den Fingern schnüffeln, après des reconnaissences douteuses, nicht wie lange und intensiv sie sich mit ihrem Spiegelbilde befassen, wie sie vom Weibe zurechtgewiesen und gescholten werden und schon gar nicht, welcher Versöhnungskünste sie sich im Schlafgemach bedienen. All dies könnte den Nachbarn zu Ekel, Spott und Lästerei anregen, gar zur Gehässigkeit und übler Nachrede — und also ihrem Ruf und Range schaden. Davor fürchten sie sich so sehr, daß sie sich einschließen in ihre Trutzburg, verkriechen in ihre Höhle und, kurios, wie befreit aufatmen.