DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

1. Mai 2010

Wie ich nun aus mannigfaltigen Blickwinkeln dargetan habe, benötigt die Moralität, um so zu erscheinen wie sie erscheint, keines höheren Grundes. Göttliche Gebote, eine Idee des Guten, ein Ideal der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, sie mögen sein oder nicht, aber ohne sie, das heißt wenn der Mensch nur vom Menschen abhinge, würde sich eben dasselbe Bild und dieselben Zusammenhänge ergeben.

Ich selbst halte dafür, dass diese Begründung der Moralität die richtige sei und sämtliche Ideale nur, bewusst oder unbewusst, den eigentlichen Motiven und Interessen aufgepfropft werden — um ihnen mehr Nachdruck und den höheren Segen zu erteilen.

Allerdings könnte man entgegenhalten, dass, selbst wenn diese Ansicht die richtige wäre, sie sich doch, für unseren Alltag, als ziemlich bedeutungslos erwiese, da nun mal des Menschen Gewohnheit sei, sich in allem Moralischen auf höhere Prinzipien zu berufen, bei einem Zwist sofort nach der Gerechtigkeit zu fragen oder Gottes Wille zu zitieren — anstatt sich mit hintergründigen Erwägungen herumzuschlagen, wer hier aus welchem Interesse handele, wem gefallen wolle, vor wessen Ungnade Angst habe und wie weit moralische Forderungen und Verurteilungen überhaupt nur unseren Machtgelüsten zuzuschreiben seien und dergleichen mehr. Dies alles sei für die gewöhnlichen Fragen der Moral zu kompliziert und damit wertlos.

Dem will ich gar nicht widersprechen. Für den täglichen Gebrauch dürften die meisten meiner Beobachtungen tatsächlich wertlos sein, zumal sich mit ihnen nicht einmal moralisch streiten lässt, denn es würde ja die beabsichtigte Wirkung völlig verfehlen, wenn einer offen sagte: „Ich will das Gute und die Gerechtigkeit, zuweilen gar das materielle Wohl der andern — weil ich damit gut dastehen und also meinen Rang erhöhen kann, welcher mein höchstes Glück bedeutet!“

Für den täglichen Gebrauch also wertlos. Aber für den täglichen Gebrauch ist auch die Erkenntnis, daß die Sonne feststehe und die Erde rotierend um sie kreise, unbrauchbar und überflüssig. Die Erde steht uns immer still, Sonne, Mond und Sterne gehen auf und unter, dies ist unsere Wirklichkeit. Nichteinmal der Kosmopolit und Weltreisende braucht etwas von der Heliozentrik zu wissen, welche allein für Wissenschaftler, Astronomen und jeden, der die Welt gerne aus einer abgelösten, neutraleren Perspektive betrachtet, von Bedeutung ist — aber diese werden den Wert einer solchen Erkenntnis nicht eben gering schätzen.