DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

12. April 2010

Man will so oft anders sein als man ist, Fertigkeiten besitzen, die man nicht hat, Dinge leisten, zu denen die Kräfte nicht hinreichen. Mit zunehmendem Lebensalter erkennt man aber die Unmöglichkeit, ein anderer zu sein und ist schon froh, wenn man mit dem zurechtkommt, was man ist.

Wie sich im Laufe des Lebens der Hausrat ständig ausdehnt und immer schwieriger wird, Ordnung zu halten und Überblick zu wahren, so wird auch das Leben insgesamt, mit allen offenen, unerledigten Pflichten und Vorhaben immer unübersichtlicher, und man würde, ohne Bescheidung und Beschränkung, sich ganz und gar darin verlieren. Wir sind dann irgendwann froh, wenn wenigstens die hauptsächlichsten Zimmer und der Inhalt einiger Schränke in leidlicher Ordnung dastehen und lassen den Rest dem Chaos entgegengehen. So auch mit den Dingen, die wir gerne leisten würden aber nicht können.

In frühen Jahren war es mir ein Gräuel, mich in meinen Schriften zu wiederholen, und ich sorgte mich um durchgehenden Stil und eine, wenn nicht allgemein gültige, so doch in sich beständige Schreibweise. Diese Dinge fallen mehr und mehr der Unübersichtlichkeit meines Hausrates zum Opfer. Selbst Gedanken, Prinzipien und Ideen kann ich nicht mehr unter einen Hut bringen, sie haben sich im Laufe der Jahre gewandelt, und es wäre zu viel Akrobatik, alles in denselben Takt und die gleiche Tonart zu setzen. Also lass ich es gehen wie es geht, man mag darin den Wandel der Lebensalter sehen — und bis zur Auflösung schräger Klänge auch dem Glück einen Anteil überlassen.